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Presseinformationen

27.07.2019

Mit dem Navigationsgerät bis in die hintersten Lungenbereiche

Schnelle Diagnose durch Bronchoskopie-Verfahren mit elektromagnetischer Navigation – einzigartig im Umkreis von weit über 100 Kilometern

Bildschirmausschnitt des Navigationsverfahrens kurz vor dem Tumor, hier in Form einer grünen Kugel dargestellt.

Lungenkrebs gehört zu den häufigeren Krebserkrankungen in Deutschland. Durch seine ungünstige Prognose ist er mit Abstand die häufigste Krebstodesursache bei Männern und die zweithäufigste bei Frauen. Die Zahl der Neuerkrankungen – in Deutschland etwa 50.000 pro Jahr – weist eine steigende Tendenz auf.

Das Problem der traditionellen Bronchoskopie („Lungenspiegelung“) ist grundsätzlich, dass kleine oder in Randbereichen der Lunge liegende Läsionen nicht erreicht werden können. Als Läsion bezeichnet man Veränderungen der Lunge, deren Ursache noch nicht bekannt ist, die möglicherweise aber ein bösartiger Tumor sein können. So müssen sich Patienten oft mehreren Prozeduren oder gar chirurgischen Eingriffen zur Diagnosefindung unterziehen. In der Abteilung Pneumologie am Standort Lenglern des Evangelischen Krankenhauses Göttingen-Weende gibt es jetzt mit der elektromagnetischen Navigationsbronchoskopie (ENB) ein neues hochmodernes Verfahren, das eine minimalinvasive Methode für den Zugang zu schwer erreichbaren Bereichen der Lunge bietet. Das ENB-Verfahren stellt eine Erweiterung der Möglichkeiten dar, die Lungentumore in bisher schwer erreichbaren Regionen präziser zu diagnostizieren, so dass hierdurch zum Teil auf ergänzende noch invasivere und aufwändigere Methoden verzichtet werden kann. Das Evangelische Krankenhaus Göttingen-Weende ist in einem Umkreis von weit über 100 Kilometern die bislang einzige Klinik, die die elektromagnetische Navigationsbronchoskopie anwendet.

Ein häufiges Problem der traditionellen Bronchoskopie (Lungenspiegelung) ist, dass in rund 65 Prozent der Fälle Tumore in den Randbereichen der Lunge nicht erreicht werden, weil die weit verzweigten Atemwege für die Geräte aufgrund des geringen Durchmessers nicht zugängig sind. Daher werden oft weitere diagnostische Maßnahmen (perthorakale Nadelbiopsie oder die chirurgische Freilegung des Tumors) erforderlich, dies jedoch wiederum mit potentiellen Komplikationen (Lungenriss, Bluthusten, Schmerzen). Hier ist gerade einer der Vorteile des neuen Verfahrens: Man gelangt an schwer erreichbare Lungenbereiche und kann mit hoher Präzision meist eine exakte Diagnose in einem sehr frühen Stadium stellen. Denn im Anfangsstadium zeigt Lungenkrebs kaum oder gar keine Symptome. Daher wird die Erkrankung bei einem Großteil der Patienten erst im späteren Stadium diagnostiziert. Die langfristigen Überlebensraten sind dann jedoch sehr niedrig. Bei früher Erkennung und sofortiger Behandlung liegt die Überlebenschance bei über 80 Prozent. Mit der neuen ENB-Methode können aus den in der Lungenperipherie liegenden Läsionen schnell Biopsien gewonnen werden.

Wie funktioniert das neue Verfahren?

Anhand von zuvor gemachten CT-Aufnahmen eines Patienten erzeugt die zugehörige Planungssoftware einen virtuellen 3D-Bronchialbaum – ähnlich einer Straßenkarte, mit dem der Arzt mit der Anatomie des Patienten übereinstimmende Wege in der Lunge abstecken kann, die dann bei dem Eingriff genutzt werden. Diese virtuelle Karte ermöglicht es, einen Katheter rasch und präzise zum Ziel zu führen. Dazu wird vorab der Zielpunkt, also die Läsion, am Computer markiert. Nachdem der Pfad erstellt wurde, kann der Arzt dank der elektromagnetischen Führung des Sensors in Echtzeit zum Ziel navigieren, indem er dem zuvor festgelegten Pfad folgt. Dabei erhält der Untersucher fortlaufend eine genaue Entfernungsangabe zum Ziel mit einer dreidimensionalen Darstellung der Lungenwege. Sobald das Zielgewebe – beispielsweise ein möglicher Tumor – erreicht ist, führen die Ärzte eine Dreifachnadel-Zytologiebürste und Zangen durch einen endoskopischen Katheter, um Gewebeproben zu entnehmen, die dann im Labor diagnostiziert werden und so schnell Klarheit bringen, ob es sich wirklich um Tumorgewebe handelt.

„Wenn wir die Überlebensrate bei Lungenkrebs verbessern wollen, müssen wir diese Erkrankung früher diagnostizieren“, sagt Dr. Wolfgang Körber, Chefarzt der Abteilung Pneumologie, Beatmungsmedizin/Schlaflabor am Ev. Krankenhaus Göttingen-Weende. „Die neue Untersuchung mittels elektromagnetischer Navigationsbronchoskopie ist gegenüber der traditionellen Bronchoskopie so wie der endobronchiale Ultraschall ein Verfahren, welches uns eine genauere, schnellere und sehr viel sicherere Methode für eine frühe Diagnose bietet. Insbesondere wenn man diese beiden Verfahren kombiniert“, so Körber.

Weniger Komplikationen und bessere Diagnostik

Weitere Vorteile im Vergleich zum bisherigen Verfahren: Die elektromagnetische Navigationsbronchoskopie weist eine niedrige Komplikationsrate und eine hohe diagnostische Ausbeute auf, weil man viel präziser direkt an die Läsion gelangt und somit besser verwertbare Proben erhält. Sie ist Bronchoskopie und die zielgenaue Probenentnahme in einem Schritt. Das ENB-Verfahren hat so zur erfolgreichen Diagnose von peripheren Läsionen in etwa 75 Prozent der Fälle beigetragen.

In der Abteilung Pneumologie am Standort Lenglern des Evangelischen Krankenhauses Göttingen-Weende wird zur weiteren Sicherheit parallel zur elektromagnetischen Navigations-Bronchoskopie eine Endosonographie eingesetzt. Dies ist eine zusätzliche Sicherheit für den Patienten, damit der Arzt feststellen kann, ob die Sonde tatsächlich an der richtigen Stelle in der Lunge angekommen ist. Generell wird ein Tumor mit dieser Methode nicht entfernt. Die ENB ist noch eine rein diagnostische Maßnahme. Zukünftig soll es mithilfe der elektromagnetischen Navigation aber auch möglich sein, kleine bösartige Lungenherde mit Wasserdampf oder Mikrowellen zu behandeln.

Abteilung Pneumologie, Beatmungsmedizin und Schlaflabor

Die Abteilung Pneumologie, Beatmungsmedizin und Schlaflabor ist eine von 15 Fachabteilungen des Evangelischen Krankenhauses Göttingen-Weende. Sie befindet sich am Standort Lenglern, wird aber 2021 nach Weende in einen großen Neubau ziehen. Jährlich werden hier rund 2.000 Bronchoskopien durchgeführt. Die Abteilung ist Teil des im Jahr 2010 gegründeten „LungenTumorZentrums Universität Göttingen (LTZ) Göttingen – Immenhausen – Weende“. Es hat zum Ziel, gemeinsam die Diagnose und Therapie für an Lungentumor erkrankten Patienten zu verbessern. Das Zentrum ist ein überregional bedeutsames Kompetenzzentrum in der Versorgung von Lungenkrebs-Patienten in Südniedersachsen, Nordhessen sowie in den angrenzenden Teilen Thüringens und Nordrhein-Westfalens. Das LTZ ist in Niedersachsen und Hessen das größte Lungentumorzentrum und zählt bundesweit zu den „Top Ten“ der durch die Deutsche Krebsgesellschaft zertifizierten Standorte.

Das Endoskopieteam bei der elektromagnetischen Navigationsbronchoskopie.
Bildschirmausschnitt des rekonstruierten Bronchialbaums mit dem errechneten Weg zum Ziel (in rosa), analog eines GPS-Systems.
Maria Szustek zeigt den Katheter (blauer Schlauch) mit dem elektromagnetisch geführten Sensor am oberen Ende.