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Konzept der sektorübergreifenden Versorgung von Adipositas-Patienten innerhalb eines kooperativen Netzwerkes des Adipositas-Zentrums Göttingen-Weende

Evangelisches Krankenhaus Göttingen-Weende
Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und minimalinvasive Chirurgie

Chefarzt: Prof. Dr. med. Claus Langer

 

Schwerpunktpraxis für Adipositas und metabolische Chirurgie, Herkulesstr. 34a, 34119 Kassel

Praxisinhaber: Dr. med. Bernhard Schupfner

 

Hintergrund

Die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas in Deutschland weist eine deutlich steigende Tendenz auf. Die Daten des Robert-Koch-Instituts belegen dies. War 2009 noch jeder zweite Deutsche übergewichtig und jeder sechste adipös, sind die Zahlen im Jahr 2015 bereits auf 70% (Übergewicht) bzw. 25% (Adipositas) gestiegen. Einhergehend mit dem Anstieg der Zahl adipöser Menschen nimmt auch die Erkrankungshäufigkeit von Diabetes, Hypertonus, Arthrose, Arteriosklerose und KHK zu. Dies wird in sehr naher Zukunft die Kosten für Medikamente, Gelenkoperationen und Reha-Maßnahmen spürbar in die Höhe treiben. In den USA zeigen sich die Auswirkungen der Adipositas-Epidemie besonders drastisch. Bedingt durch den rapiden Anstieg von Diabetes, Herzkrankheiten und anderen Adipositas-assoziierten Erkrankungen wird sich dort in wenigen Jahren die durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung zum ersten Mal senken (Olshansky et al, N Engl J Med 352:1138-1145).

Trotz steigender Prävalenz der Adipositas in Deutschland liegt die Zahl der bariatrischen Eingriffe im europäischen Vergleich weit zurück. Dies hängt mit der Tatsache zusammen, dass der Adipositas hierzulande noch immer nicht der Status einer Krankheit eingeräumt wird, obwohl die WHO dies längst getan hat. Zudem stellt sich das Problem, dass Patienten in Deutschland zu spät operiert werden. In keinem anderen europäischen Land sind die Patienten bei Genehmigung der Operation so alt, der BMI so hoch und die Zahl der Begleiterkrankungen so groß wie in der Bundesrepublik Deutschland. Dies erhöht das Operationsrisiko und verschlechtert den kurativen bzw. präventiven Effekt auf das metabolische Syndrom und den Diabetes mellitus Typ II.

Diätetische Maßnahmen haben aufgrund entwicklungsgeschichtlich bedingter Mechanismen den Effekt, dass nach Beendigung der Fastenphase die Energiespeicher umso rascher und häufig in stärkerem Umfang wieder aufgefüllt werden, wodurch es wieder zu einer vermehrten Fetteinlagerung und Gewichtszunahme kommt ("JoJo-Effekt"). Somit ist ab einem gewissen Grad der Adipositas eine dauerhafte Gewichtsabnahme mit konservativen Methoden faktisch nicht mehr möglich. Bis die gesamtgesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen in Deutschland geschaffen sind, der Adipositas als neuer Volkskrankheit durch wirksame Präventionsmaßnahmen entgegen zu treten, ist es notwendig , eine möglichst große Zahl gefährdeter Patienten einer chirurgischen Intervention zur Gewichtsreduktion zuzuführen.

Aufbau des Adipositas-Zentrums Weende

Gemäß der geltenden S3-Leitlinie sind von den operativ tätigen Einrichtungen bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen, die auch als Entscheidungsgrundlage für den MdK (Medizinischer Dienst der Krankenversicherung) hinsichtlich der Kostenzusage dienen.  Neben der leitlinienkonformen Indikationsstellung wird in teils aufwändiger Einzelfallprüfung beurteilt, ob eine ausreichende Ausschöpfung konservativer Maßnahmen in Form von Diäten, Ernährungsberatungen, verhaltenstherapeutischen Maßnahmen, Bewegungstherapie und Fitness-Training nachgewiesen werden kann. Auch eine psychologische bzw. psychiatrische Untersuchung und Begutachtung wird zur Vermeidung unkalkulierbarer Risiken in der postoperativen Phase gefordert. Im Anschluss an den Eingriff muss eine prinzipiell lebenslange Nachsorge gewährleistet sein.

Das Evangelische Krankenhaus Göttingen-Weende hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf die wachsende Nachfrage nach chirurgischer Versorgung adipöser Patienten aus dem südniedersächsischen und grenzübergreifend nordhessischen Raum in angemessener Form zu reagieren und all diese notwendigen Voraussetzungen für seine adipösen Patienten zu schaffen. Mit Dr. med. Bernhard Schupfner aus Kassel wurde ein minimalinvasiv erfahrener Viszeralchirurg verpflichtet, welcher sich ausschließlich der Behandlung und operativen Versorgung der Adipositas-Patienten widmen wird. Durch Kooperation mit seiner Kasseler Schwerpunktpraxis für Adipositas wird der direkte Zugang zum Zentrum für ein großes Einzugsgebiet erleichtert und der persönliche Kontakt zu dem Therapeutenteam garantiert.

Innerhalb eines festen Netzwerkes aus Kooperationspartnern aller erforderlichen Disziplinen, ambulant wie stationär, wird im Rahmen von Spezial-Sprechstunden an beiden Standorten in einem Team aus internistischen Fachärzten, Psychologen und Ernährungstherapeuten ein individueller Behandlungsplan erstellt. Bereits absolvierte konservative Therapien und Präventionsmaßnahmen können im Einzelfall berücksichtigt werden im Hinblick auf den Zeitpunkt der Antragstellung.

In einer wöchentlichen psychosomatischen Sprechstunde werden alle Patienten durch einen Facharzt für Psychiatrie und Chefarzt einer kooperierenden Fachklinik befragt und begutachtet. Ein Team von Psychiatern und Verhaltenstherapeuten stehen den Patienten sowohl in Göttingen als auch in Kassel während sämtlicher Phasen der Behandlung zur Seite und können im Bedarfsfalle krisentherapeutisch eingreifen.

Eine spezialisierte Ernährungsberatung findet parallel statt, ergänzt durch Angebote wie Kochkurse und Gruppenberatungen in den Räumlichkeiten der Klinik und der Kasseler Praxis.

In einem Göttinger Reha-Zentrum sowie einer Praxis für Physiotherapie in Kassel werden regelmäßig über einen Zeitraum von mindestens 18 Monaten speziell auf die Bedürfnisse adipöser Patienten abgestimmte Trainingsprogramme angeboten. Es bestehen enge Kooperationen mit niedergelassenen Endokrinologen, Pneumologen und Diabetologen an beiden Standorten, um im Vorfeld der Operation erforderliche Diagnostik ohne lange Wartezeiten durchführen lassen zu können.

Zum Zeitpunkt der Antragstellung leistet das Adipositas-Zentrum den Patienten Unterstützung bei der vollständigen und übersichtlichen Präsentation der gesammelten Befunde und Belege.

Die Operationen finden im Evangelischen Krankenhaus Göttingen-Weende statt. Hier wurden alle Voraussetzungen im OP-Bereich und auf Station für einen reibungslosen Ablauf geschaffen. Während des stationären Aufenthaltes in dem eigens etablierten Bereich für Adipositas und metabolische Chirurgie innerhalb der Abteilung Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und minimalinvasive Chirurgie werden die Patienten von einem Stab geschulter Mitarbeiter aus dem ärztlichen Dienst, der Pflege, Krankengymnastik und Diätassistenten betreut. Die Behandlung folgt definierten qualitätsgeprüften Behandlungspfaden.

Nach der Entlassung erfolgt die Nachsorge leitliniengerecht in der Adipositas-Sprechstunde des Göttinger Zentrums und der chirurgischen Schwerpunktpraxis in Kassel. Die Hausärzte werden eng in die weitere Betreuung einbezogen. Hierzu wurde ein Nachsorgeordner mit detaillierten Terminplänen und Handlungsempfehlungen für die Hausarztpraxen erstellt.

Die Daten der Patienten werden zum Zwecke der Qualitätssicherung in zwei separaten Registern (StuDoQ, Kompetenznetz Adipositas) gesammelt. Geplant ist die Zertifizierung als Kompetenzzentrum der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) bzw. der Chirurgischen Arbeitsgemeinschaft für Adipositastherapie und metabolische Chirurgie (CAADIP). Die Voraussetzungen der Zertifizierungsordnung der DGAV sollen 2018 erfüllt sein.

Seit Oktober 2016 besteht überdies ein enger Austausch mit der Göttinger Adipositas Selbsthilfegruppe "Neue Wege". Die Gruppe nutzt die Räumlichkeiten der Klinik für Treffen und gemeinsame Informationsveranstaltungen.

Flyer des Zentrum für Adipositas und Metabolische Chirurgie